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Super Tolle Sause


Erfahrungsbericht: Cadillac Seville STS 2000

Auch ein Cadillac braucht gelegentlich die Werkstatt. Deshalb sollte sein Besitzer mindestens einen zweiten haben, um nicht den selbst bei eintätgiger Trennung auftretenden Entzugserscheinungen zu verfallen. Gut, daß Opel Häusler in München seit einiger Zeit die Möglichkeit bietet, während des "Boxenstops" ein echtes Auto (also von GM) zum Spezialtarif anzumieten.

Der Zufall führte Regie. Der mir telefonisch auf die Anfrage nach einem US-Fahrzeug zugesicherte "Chevrolet" (also ein Oldsmobile Alero) verfügte zwar über eine feuerrote Lackierung und einen Heckspoiler (bäh!), hatte aber offensichtlich durch Nachlässigkeit des Vormieters seinen gesamten Batteriestrom eingebüßt. Also zurück zum Counter. "Was nun? Opel?" - "Ich will einen Amerikaner, mit etwas anderem fahre ich nicht !" - Sofortige Konferenz der Mietabteilung von Opel Häusler, deren Ergebnis mir von der freundlichen Mitarbeiterin von "Opel Rent" mitgeteilt wurde: "Sie dürfen jetzt sogar einen Cadillac fahren!" - "Entschuldigung, wenn ich jetzt nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, aber ich habe (neben meinem Buick) selber drei, warum haben Sie mir den nicht gleich gegeben ?"

Also nochmal raus zu den Leihwagen. Ein Weg von wenigen Metern, aber ein Sprung von 16 Jahren. Vom 84er Eldorado Biarritz Convertible zu einem etwas unscheinbar zwischen den Euro-Rollschuhen stehenden dunkelblauen 2000er STS. Immerhin, auf Knopfdruck am Schlüsselanhänger läßt er sich durch Blinksignale und einen kurzen Hupton sofort lokalisieren. Beim Einstieg wird sofort klar: Der Schlüssel hat auch gleich durchgemeldet, daß "Driver Nr.1" seine Sitz-, Lenkrad- und Spiegelposition sowie seine Lieblingssender vorzufinden wünscht. Ein erstes "Welcome" an jemand, der um dieses Auto bisher einen Bogen gemacht hat, weil er europäische Attribute in der Luxusklasse für deplaziert und einen Motor ohne Zentralnockenwelle für eine Fehlkonstruktion hält.

Der Innenraum: echtes Zebranoholz ! Igitt! Verglichen mit früheren Sevilles mit quadratmeterweise verlegten und chromziselierten Landschaften aus nachgebildetem Holz herrscht hier ärmliche Nüchternheit. Hat Cadillac es nötig, der Mentalität von Audi-Fahrern nachzulaufen, die an der Kasse bei Aldi oder Lidl demonstrativ beim Öffnen des Geldbeutels die goldene "Amex-Card" herausfallen lassen? Ich will das Holz des Armaturenbretts weder essen noch es zum Räuchern von Fischen verwenden. Warum soll es denn dann unbedingt echt sein ?

Es wurde jedoch besser. Die Drehung am Zündschlüssel bringt nun auch noch das Lenkrad in die richtige vorprogrammierte Position, das Cockpit erleuchtet sich mit dem aus Lexus und S-Klasse bekannten sehr übersichtlichen Neon der analogen Instrumente, der Bordcomputer gibt umfassend und im Klartext Rapport über die Logistik, und für diejenigen, welche seit 1984 die Überlegenheit der digitalen Geschwindigkeitsanzeige schätzen, läßt sich diese zusätzlich einblenden. Allmählich beginnt man darauf zu warten, daß der Bordcomputer "Welcome Home" signalisiert.

Dieses Gefühl stellt sich tatsächlich ein, sobald das kraftvolle Herz des Seville STS unhörbar zu schlagen beginnt. Trotz obenliegender Nockenwellen und einem Drehzahlniveau, das die "Small-Block" Fangemeinde unseres Clubs bislang nicht einmal in Alptraumnächten erreicht, ist hier ein Antriebsstrang vorhanden, der alle amerikanischen Qualitäten hat. Leise (so leise daß eine spezielle Vorrichtung das versehentliche nochmalige Anlassen verhindern muß), schon auf geringen Gaspedaldruck hin mit einem nachdrücklichen, ebenfalls lautlosen Schub. Dazu eine Automatik, deren völlig unmerkliches (und sich dem Temperament des Fahrers anpassendes) Schalten ausschließlich über die Beobachtung des Drehzahlmessers erahnt werden kann. Trotz der den Fahrzeugpapieren entnehmbaren 305 PS stellt sich stets eine Geschwindigkeit beim Mitschwimmen im Verkehr ein, die bußgeldrechtlich betrachtet immer im unproblematischen Bereich liegt und auch bei 160 km/h auf der Autobahn einen mit verbundenen Augen mitreisenden Beifahrer darauf wetten ließe, daß sich das Fahrzeug noch im Stand befindet.

Es sei nicht verschwiegen, daß in diesem extrem kultivierten "Northstar" Antriebsstrang auch noch "das Tier" lauert. Das Durchtreten des Gaspedals entfesselt die Kräfte, für die das computergesteuerte Fahrwerk mit seiner blitzschnellen Reaktion auf jeden Straßenzustand ("Road Sensing Suspension") gebaut wurde. Eine "Referenzstrecke" für die Beschleunigung in einer langgezogenen Autobahnausfahrt ergab gegenüber dem bisherigen Bestwert von 130 km/h (BMW 750i und Buick Roadmaster LT1) beim Seville den Abbruch des "Rekordversuchs" bei 150 km/h, weil der aus der Formel 1 bekannte Effekt eintrat, daß gerade erscheinende Passagen sich ab bestimmten Geschwindigkeiten als sehr kurvig erweisen.

Bedenkt man, daß das "Northstar-System" auch noch ein Wartungsintervall von 160.000 Kilometern und eine Notkühlung besitzt, die das Fahrzeug noch ohne Kühlwasser über 80 Kilometer zur nächsten Werkstatt fahren läßt, ist es klar: Hier arbeitet ein Antriebsstrang, der in der Summe seiner Qualitäten durch keinen Wettbewerber überboten wird.

Eine weitere Überraschung sind die Reifen: Obwohl für "Expressway Driving" ausgelegt, sind sie im Abrollen so lautlos wie es bislang eigentlich nur von den geschwindigkeitsbegrenzten Ganzjahresreifen von Michelin oder General bekannt war.

Ein weiteres Highlight läßt sich durch die im Lenkrad integrierten Kommandotasten starten, wenn einem die Ruhe zu unheimlich wird. Die Delco-Bose-Soundanlage mit Cassette, CD-Player und CD-Wechsler ist (wie alle Tests in Fachzeitschriften schon festgestellt haben) einzigartig: Referenzklasse, Raumfülle, Dynamik, Vangelis-tauglich. Frappierend ist hier insbesondere der direkte Vergleich zu einem neuen BMW 750iL, der vor wenigen Wochen ausgeliefert und gegen saftigsten Aufpreis mit einer Batterie unzähligster Lautsprecher an allen Ecken und Enden tapeziert ist: Gegen die Audioanlage des Seville ein rollender Ghettoblaster. Allerdings: Die Steigerung gegenüber den Soundsystemen, die wir aus der Luxusklasse von GM schon seit einigen Jahren gewöhnt sind, ist nicht allzu intensiv. Hier wird deutlich, wie lange Cadillac - und auch GM - schon eine Spitzenposition einnehmen.

Cadillac-like auch die Ausstattung. Regensensor für die Scheibenwischer, automatischer Rückzug von Lenkrad und Sitzen ("Exit-Position") beim Abstellen des Motors für erleichterten Ausstieg, Beleuchtung des Umfeldes des Fahrzeugs bei Nacht, wenn die Fernbedienung aktiviert wird, Sitzheizung auch hinten, Servolenkung geschwindigkeitsabhängig.

Also überzeugt? "Ja, aber..." Wenn wir seit fast 40 Jahren einen lorbeerbekränzten Kühlerstern auf einer faszinierend geformten Motorhaube thronen sahen und uns seit dem 59er Biarritz vom proletenhaften Zuschlagen eines nicht motorisch selbstschließenden Kofferraumdeckels verabschiedet haben, ist der Verzicht hierauf nicht leicht. Worauf ein Cadillac aber nicht verzichten sollte, ist Platz auf der Rückbank. Ein Test mit 3 Kids samt Sitzen zeigt, daß hier statt der üppigen, einer Stretchlimousine ähnlichen Raumfülle, wie zum Beispiel im Fleetwood vergangener Tage, auf der Rückbank phobientreibende Enge herrscht. Auch der zwar im Verhältnis zur Leistung moderate aber gegenüber dem fast gleichstarken Fleetwood mit LT1-Motor doch etwas höhere Durst auf Super bleifrei ist sicherlich verbesserungsfähig. Dies ist aber schon deshalb irrelevant, weil der Seville STS - selbst als Neuwagen - mit deutlich unter 80.000,00 DM in Deutschland zu einem Preis angeboten wird, für den man bei deutschen Herstellern gerade mal einen Kabinenroller kaufen kann.

Fazit: Der Seville STS ist nicht das beste derzeit hergestellte Auto der Welt, sondern nur das zweitbeste. Denn sein größerer Bruder - der mit identischer Technik auf dem gleichen Band gefertigte Sedan deVille - bietet den Platz, den ein amerikanisches Luxusauto haben muß und vermeidet damit das einzige, was man am Seville noch vermißt. Tröstend ist aber vor allem die Erkenntnis, daß auch heute noch Fahrzeuge gebaut werden, die die Anforderungen erfüllen, mit welchen Cadillac jahrzehntelang seine Kunden verwöhnt hat. Daß wir heute auch noch sportwagenmäßige Power dazugeschenkt bekommen, nehmen wir mit der "Distinction" eines englischen Lords zur Kenntnis, stellen den Tempomat auf 66mph und lassen eine Bach-Kantate durch das Audiosystem rauschen: Das ist Luxus.

(Burkhard Brießmann)